Zitat der Woche: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Was macht man denn als Musikschaffender mit der ganzen "neuen Zeit"? DJ Verena Brunner sucht Antworten und findet Fragen.

Michael Urban
Kommentar von Michael Urban, April 19, 2020

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Die Entertainment- und Kreativ-Branche erhielt von Corona einen kräftigen Dämpfer. Das bekam auch DJ Verena Brunner aus Langenbruck zu spüren. Die studierte Psychologin will zwar nicht für alle Musikschaffenden sprechen, aber für sie persönlich ist die aktuelle Lage gerade schwierig. Konzerte, Festivals Club-Events, DJ-Workshops, die Teilnahme an diesen Musik-Events und die daraus wachsende Inspiration sind erst einmal auf Eis gelegt. „Ich bin erst seit Februar 2019 wirklich als DJ aktiv und dadurch mega aufgeblüht“, erinnert sich Verena. Zudem fehlt ihr nun auch die Gage von einigen geplanten Auftritten. „Das ist für mich gerade besonders bitter, weil ich extra eine Pause vom Job und vom Klinik-Alltag eingelegt habe, um mehr Zeit künstlerisch und ins Auflegen investieren zu können. Den Mut musste ich erst einmal aufbringen.“ Anfang März besuchte sie noch ein Netzwerktreffen für Frauen in der Musikszene in München, eine weitere „Girlz-on-Decks“-Veranstaltung im Raum Ingolstadt war geplant. „Ich war voller Energie, dafür fehlt mir jetzt der Kanal. Ich fühle mich total ausgebremst.“

„Sind die Umstände endlich gefügig gemacht, so verlegt die Natur den Kampf von außen nach innen und bringt allmählich in unserm Herzen eine Wandlung hervor, so daß es etwas anderes wünscht, als was ihm zuteil werden wird.“

Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

Die durch die Ausgangsbeschränkungen neu gewonnene Zeit zu nutzen, geht laut Verena nur bis zu einem gewissen Grad. „Irgendwo ist da bei mir eine Grenze erreicht, immer alleine etwas zu machen. Die ganze Energie muss raus, ich muss unter die Leute, ich muss dadurch in die Aktion kommen.“ Sie hat im Ingolstädter Nest über „Liebe & Triebe“ schon zwei Mal im Online-Stream aufgelegt oder bei einer Reihe des Lokals Baby & Bombe mitgewirkt. „Das ist aber mittlerweile kein Vergleich mehr. Es wird zäh.“ Von derartigen Gedanken beschäftigt hat Verena für uns gleich zwei Dinge mitgebracht. Einmal das Zitat der Woche von Marcel Proust. Und zweitens einen passenden Track dazu von ihrem Set für Baby & Bombe. Warum sie den Intro-Song (Lila Pause – DJ Koze feat. Station 17) dafür gewählt hat, das sagt sie euch gleich selber.

Track auf dem Teller: Lila Pause – DJ Koze feat. Station 17

Verena Brunner: „Station 17 ist eine Hamburger Band, die 1989 die Idee hatte, ein Album mit der Wohngruppe 17 der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, der auch Menschen mit geistiger Behinderung angehörten, aufzunehmen. Im Laufe der Zeit haben einige bekannte Künstler mit Station 17 zusammengearbeitet, unter anderem eben auch DJ Koze. Am Anfang von „Lila Pause“ werden gleich viele Fragen gestellt, die man direkt so weitergeben kann: Zeit, was willst du? Wo kommst du her? Wieviel Zeit bleibt den Menschen? Wozu habe ich nie Zeit?

Diese Fragen haben mich bei der Auswahl des Tracks geleitet, denn ich habe sie mir am Anfang der Corona-Ausgangsbeschränkungen auch gestellt. Was mache ich denn jetzt mit dieser Zeit? Ich kann sie ja nicht so gestalten, wie ich es ursprünglich vorgehabt hätte. Und vielleicht ist es ein Zeichen für gewisse ungetane Dinge, sie auch endgültig bleiben zu lassen. Denn wenn man sie nicht mal jetzt macht, wo auf einmal so viel neue Zeit da ist, dann ist es auch gut so.

Ich finde die Lyrics insgesamt total treffend. Es wird direkt ausgesprochen, was einem so durch den Kopf geht. So ganz frei raus gedacht, eine entwaffnende Naivität paart sich da mit neugieriger Tiefgründigkeit. Diese Neugierde finde ich sehr passend zur aktuellen Lage. Wo geht es denn hin mit uns? Und vielleicht sind diese Fragen erst einmal gar nicht zu beantworten.“

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