Sonntagskolumne: Die Unbewohnbarkeit der Städte

Lisa Schwarzmüller
Kommentar von Lisa Schwarzmüller, Juni 28, 2020

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„Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte.“

Berthold Brecht, gelesen in Leuchtende Liebesspiele in der Nöttinger Viehweide

An der Elbe: Auch an einem verregneten Sonntagvormittag ist es hier nicht still.

Vergangenes Wochenende ging es für mich für einen kleinen Wochenendausflug nach Hamburg. Ich mag es dort. Ich liebe es, durch Altona zu spazieren, ich mag die Bars und Kneipen in Ottensen. Für einige Stunden fühle ich mich pudelwohl, wenn ich mit meiner Schwester vor dem Aurel sitze, einer kleinen Kneipe, wo man sich freitags zur Afterhour nach einem langen Tag im Büro trifft. Um mich herum wuselt es, die Menschen sind bunt und laut, die Gespräche stocken für keinen Moment, man kommt vom Hundertsten ins Tausendste.

Ein paar Tage später sitze ich an meinem Lieblingsort, dem Waldweiher im Feilenmoos.  Auch da wuselt es, aber auf eine ganz andere Art. Ich merke, wie Ameisen über meine Beine krabbeln und Libellen akrobatisch durch die Luft sirren. Die Szenerie ist eine Variation von satten Grün- und Brauntönen, auf ihre Art ist sie auch sehr bunt. Ich bin mit einem lieben Freund dort, auch unser Gespräch stockt nicht, obwohl wir teilweise nur nebeneinander sitzen, die Füße in den See baumeln lassen und schweigen. Ich merke, wie ich die warme Luft um mich einatme, mein Atemzug ist so laut, dass er die summende Stille um mich herum schier zerreißt.

Zerrissen. Ich bin zerrissen, weil ich die große Stadt so sehr mag und mir doch immer wieder ein Stein vom Herzen fällt, sobald ich sie verlassen darf. Zerrissen, weil ich die durchtanzten Kölner Nächte meiner Studienzeit mit all ihrem Trubel vermisse und mir gleichzeitig nichts Schöneres vorstellen kann, als mit offenen Augen durch den Wald zu laufen. Zerrissen, weil ich mich am allerliebsten mit laut lachenden Menschen umgebe und im gleichen Moment so froh bin, wenn das mir nächste Lebewesen eine kleine Spinne ist. Glaubt man Stressforscher Mazda Adli, geht es anderen Menschen genauso wie mir.

Unter Menschen, die in der Stadt leben, sind psychische Erkrankungen häufiger als unter Menschen, die es auf das Land zieht.  Adli fand sogar heraus: Schizophrenie kommt in der Stadt doppelt so häufig vor, wie auf dem Land. Das mag daran liegen, weil es in Städten einfach häufiger zu Diagnosen kommt und es dort mehr Spezialisten gibt, die die Krankheit erkennen.  Laut Adli liegt es aber auch daran, weil Stadtbewohner isoliert leben und doch immer von Menschen umgeben sind. Man ist allein und gleichzeitig gestresst. Es ist nie still, alles ist in Bewegung – das schlägt auf die psychische Belastbarkeit. Oder um es mit Brechts Worten zu sagen: Haben wir uns selbst einen Lebensraum geschaffen, der eigentlich unbewohnbar ist? Nicht ganz. Auch Adli meint,  dass nicht jeder Städter krank ist und dass Stadt nicht für jeden Menschen schlecht ist. Eine Stadt bietet tolle Möglichkeiten, von Arbeitsmarkt bis Kultur. Das kann sehr glücklich machen, genauso wie die Perspektivlosigkeit auf dem Land manchmal unglücklich macht. Man muss die Dinge relativieren und die Welt nicht immer nur in Studien sehen. Für den einen ist das Land dann genauso unbewohnbar wie für den anderen die Stadt.

Was ist also dran an Berthold Brechts fast schon dystopischer Annahme der „Unbewohnbarkeit der Städte“? Laut Adli werden zwei Drittel der Menschen 2050 in Städten leben. Wie wird es dann wohl sein? Ich beginne zu träumen und stelle mir vor, wie ich einem Popkonzert lausche und dabei mit hunderten anderen in einem See vor mich hin plansche. Ich stelle mir vor, wie ein Banker zur Arbeit den Schwimmweg entlang schwimmt und sich Ameisen auf ihrer Ameisenstraße an die Ampelschaltung halten. Der Pizzabote kommt auf einem Wildschwein angeritten und Hopfenranken klettern Straßenlaternen hoch. In meinem dasigen Sommerkopf ist das eine tolle Mischung. Und wer weiß, vielleicht ist meine urban-ländliche Utopie sogar genau das, was Brechts Stadt im Jahr 2050 wieder bewohnbarer machen würde?

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