Sonntagskolumne: Die Welt feiert den „Internationalen Tag der Kuh“

Lisa Schwarzmüller
Kommentar von Lisa Schwarzmüller, Juli 12, 2020

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„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.“

Mahatma Ghandi

Diesen Freitag feierte die Welt den Ehrentag der Kuh. Wobei, „feiern“ wäre übertrieben. Ein paar wenige „feierten“, indem sie ein hübsches Instagram-Bild veröffentlichten. Einige Medienvertreter, wie Capriccio, „feierten“ mit einer Facebook-Slideshow. Tierrechtsorganisationen machten wiederholt auf die Missstände in der Fleischindustrie aufmerksam. Dabei ebbt die Diskussion, die der Corona-Tönnies-Skandal über die Fleischindustrie unlängst entfachte, längst wieder ab. Und der internationale Ehrentag der Kuh verhallt zwischen all den anderen Feiertagen. Am 10. Juni feierte man nämlich außerdem noch den internationalen Falafel Tag, den Tag der roten Rose und den Tag des Tagebuchs. Irgendwie lächerlich. Oder übersehe ich hier etwas und all diese Sonderfeiertage ändern am Ende eben doch etwas? Hat sich irgendwer am Freitag, am internationalen Ehrentag der Kuh im Supermarkt gedacht: „Mensch, stimmt. Zu Ehren der Kuh kauf ich mir heute die Biomilch mit dem Tierwohl-Siegel. Am Dönerstand hol ich mir statt der extra Portion Fleisch heute Falafel, kauf mir eine rote Rose und schreib meine Wohltaten in mein Tagebuch.  Zack – Kuh, Falafel, Rose und Tagebuch sind geehrt. Die Welt ist gerettet.“

Ohne Falafel, Rose und Tagebuch zu nah treten zu wollen, aber irgendwie hat die Kuh doch besseres verdient, oder? Denn ohne die Kuh und all die Dinge, die sie uns seit Jahrtausenden zur Verfügung stellt, wären wir längst nicht, was wir heute sind. Forscher vermuten, dass bei der Entwicklung des Menschen das Essen von Fleisch und anderen tierischen Produkten wie Milch, das Wachstum unseres Gehirns und die Entwicklung von Waffen und Werkzeugen Hand in Hand ging. Und trotz unendlich vieler weiterer Nahrungsangebote spielt die Kuh auch Jahrtausende später eine zentrale Rolle für uns. Betrachten wir alleine die Milcherzeugung: „Mit einem Produktionswert von 11,1 Milliarden Euro im Jahr 2018 ist die Milcherzeugung der wichtigste Produktionszweig der deutschen Landwirtschaft und liegt damit deutlich vor dem  Getreideanbau oder der Schweinemast. Laut Viehzählung im Mai 2019 gibt es in Deutschland 61.087 milcherzeugende Betriebe mit 4,1 Millionen Milchkühen, die insgesamt rund 33 Millionen Tonnen Rohmilch im Jahr produzieren“, erklärte der deutsche Milchindustrie-Verband in einer aktuellen Statistik. Führt man sich die Zahlen vor Augen, kann man fast nicht anders, als einen Blick in den eigenen Kühlschrank zu werfen. Bei mir liegen da mehrere Becher Joghurt, Buttermilch und eine Packung Käse. Fast jede meiner Mahlzeiten besteht in Teilen aus einem Kuhmilch-Produkt, mehrmals im Monat kommt Rindfleisch auf den Tisch. Und doch fällt es meinem Hirn schwer, die Verbindung zwischen der Milch in meinem Kaffee und der Kuh im Stall herzustellen. Auch von mir hat die Kuh viel besseres verdient als einen Artikel zum „Ehrentag der Kuh“, das ist mir klar.

In Indien verehrt man die Kuh, dort ist sie heilig. Für viele Hindus ist die Kuh eine Mutter, die dem Menschen alles zum Leben gibt. Sie gilt ihnen als Symbol der Fürsorge und Lebenserhaltung. Auch im alten Ägypten verehrte man die Kuh. Man vermutet, dass der Himmel  als große nahrungsspendende Kuh angesehen wurde, die mit vier Beinen auf der Erde stand. Man könnte behaupten, bei ihnen war jeder Tag ein „Ehrentag der Kuh“, weil ihr tägliches Leben noch nicht so weit weg vom Tier war, dass sie die enge Verbindung zwischen Mensch und Kuh ignorieren hätten können, so wie der moderne Mensch es sich leistet. Uns ist dieser Respekt vor dem Tier irgendwo zwischen Butterbergen und Discount-Joghurt, irgendwo zwischen lila Milka-Kuh und der derzeit auf der Social-Media-Plattform TikTok kursierenden Kulikitaka-Challenge abhandengekommen.  Ein Ehrentag der Kuh wird weder die Situation der Kühe verbessern, noch den gesellschaftlichen Respekt vor dem Tier auf magische Art und Weise wieder herstellen. Dafür braucht es schon mehr.

Was genau? Da bin ich auch überfragt, weder bin ich Landwirt noch Agrarwissenschaftler, ich bin Verbraucher. Aber auch als solcher spiele ich eine wichtige Rolle. Ich kann mich informieren und beim nächsten Supermarkt-Gang eine bewusste Entscheidung treffen. Ich kann vor meinem nächsten Biss in den Käse kurz innehalten, kann mit Landwirten in den Dialog treten und versuchen, das Tier, dem ich so viel zu verdanken habe, besser kennenzulernen. So wird vielleicht auch bei mir der eine oder andere Tag abgesehen vom 10. Juni zum „Ehrentag der Kuh“.

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