Sonntagskolumne: Solidarität mit Queer Tarnow

Lisa Schwarzmüller
Kommentar von Lisa Schwarzmüller, Juli 5, 2020

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„Mit dem gleichgeschlechtlichen Partner händchenhaltend durch die Stadt laufen, sich verliebt in die Augen zu schauen, sich mal ein Küsschen geben, in der Mittagspause auf der Arbeit von seinem Wochenende reden und und und. Für Heterosexuelle ganz normal, für Homosexuelle vielerorts und eben auch in Polen, nahezu unvorstellbar.“

Statement „Queer Pfaffenhofen“ zur LGBTQ-freien Zone in Tarnow

Ja, ganz einfach ist das deutsch-polnische Verhältnis nicht, das muss man ganz klar zugeben.  Umso schwieriger macht es den Streit, der momentan zwischen dem Landkreis Pfaffenhofen und dem Landkreis Tarnow in Polen schwelt. Am 3. Juli ließ der bayerische Landkreis unter Landrat Albert Gürtner (FW) die seit 20 Jahren bestehende Landkreis-Partnerschaft, die unter Alt-Landrat Rudi Engelhardt gegründet wurde aus. Der Grund: Der polnische Landkreis erklärte sich zur LBTQ-ideologiefreien-Zone. Was dabei juristisch erstmal keinen Bestand hat, hat weitreichende Auswirkungen, stellt sie doch einen Versuch da, das queere Leben dort zu stigmatisieren und vom gesellschaftlichen Leben auszuschließen. Menschenrechte werden damit beschnitten, die Gleichheit, für die wir – egal ob polnisch oder deutsch – als Europäer stehen, gefährdet. Die Lage ist da vollkommen klar: „LGBTQ-ideologiefreie-Zone“ ist kein Ausdruck, mit dem man sich als Partnerlandkreis nur ansatzweise assoziiert sehen will. Eigentlich ganz einfach, aber gleichzeitig so schwierig.

Denn schwierig ist die Debatte deswegen, weil wir Deutsche mit dem Holocaust und den Verbrechen des 2. Weltkrieges ein schwerwiegendes Erbe in uns tragen. Dass dieser zugegeben mittlerweile schon fast verklausulierte Satz nicht nur Teil eines anonymen Geschichtsbuches ist, beweisen Rudi Engelhards Worte, der sich im Zuge der Debatte im Juni mit einem Statement an den Pfaffenhofener Kurier wandte: „Die Stadt Tarnów wurde am 7. September 1939 von der Deutschen Wehrmacht eingenommen. An 14. Juni 1940 begannen die Massentransporte politischer Gefangener in das Konzentrationslager Auschwitz. Allein der erste Transport umfasste 728 Polen. Im Juni 1942 begann die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Vom 11. bis 19. Juni 1942 wurden Tausende Juden auf dem Marktplatz zusammengetrieben, gefoltert und dann ermordet.“  Das Angebot Tarnows der Landkreispartnerschaft war in seinen Augen eine Handreichung, die andauernde Beziehung ein Weg der Versöhnung, der im Kontext unserer gemeinsamen Geschichte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte. „Die Geschichte zu vergessen wäre fatal“, endet er sein Statement. Damit hat er vollkommen recht.

Denn Geschichte bedeutet Erinnerung, Erinnerung bedeutet bestenfalls, aus Geschehenem zu lernen und es nicht nur zu konservieren. Dass der Landkreis Pfaffenhofen die Partnerschaft aussetzt beweist, dass man sich der kollektiven Vergangenheit nicht nur bewusst ist, sondern sie auch in eine Botschaft verwandeln kann. Nach Angaben der Yad Vashem, einer internationalen Holocaust-Gedenkstätte, sperrten die Nazis auch 15.000 Homosexuelle in ihre Lager, tausende kamen dabei um. Aus ihrem Tod eine Konsequenz zu ziehen, indem man politische Manöver wie „LGBTQ-ideologiefreie-Zone“ nicht toleriert, zeigt wie weit wir als Gesellschaft im Umgang mit unserer Geschichte gekommen sind.  Diversität – sei sie homosexuell, bi, heterosexuell oder transsexuell – ist schützenswert, Leben ist schützenswert. Das steht nicht nur als Worthülse in unserem Grundgesetz. Das Aussetzen der Landkreispartnerschaft ist in diesem Zusammenhang  und in Anbetracht der Geschichte, eine Verteidigung dieser zentralen, gesellschaftlichen Grundwerte und ein klare Forderung nach mehr Menschlichkeit. Als Deutsche Forderungen an eine Nation zu stellen, die unter unserer Hand so gelitten hat, wie Engelhard es eindrucksvoll beschreibt, kommt dabei immer mit einem faden Beigeschmack daher. Aber gerade wenn es um die Wahrung von Toleranz geht, stehen wir Deutsche nicht nur in der Pflicht, mit den geschichtlichen Konsequenzen zu leben, sondern sie aktiv in den Diskurs einzubringen.

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