Zwischenmenschliche Barrierefreiheit mit „Run & Roll“

hallertau.de
Allgemein von hallertau.de, März 29, 2020

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Josef Dost sitzt im Rollstuhl. Das ist für ihn kein Grund, unsportlich zu sein. Ganz im Gegenteil: Sport ist sein Leben. Mit seiner positiven Art will er auch andere zu mehr Bewegung motivieren. Deshalb hat er sich ein Training unter dem Motto „Run and Roll“ überlegt, das er – so der Plan vor der Krise – wöchentlich anbieten wollte. Aufgrund von Corona werden sich die Termine nun nach hinten verschieben. Das Training soll ganz kostenlos sein – jeder darf mitmachen. Ich war Anfang März beim ersten Training dabei und habe meine Erfahrungen als Selbstversuch festgehalten.

Hilfsbereitschaft sollte eine Selbstverständlichkeit sein

„Hier geht es nicht darum, auf einen Wettbewerb hinzutrainieren. Mir ist wichtig, dass ihr auch was für euren Alltag mitnehmt. Dass ihr euch traut, miteinander zu kommunizieren.“ Das betont Josef immer wieder während des Trainings. Denn viele Menschen wären oft verunsichert, ob sie denn einen Rollstuhlfahrer ansprechen sollen, ihm ihre Hilfe anbieten dürfen. „Fragen kostet nix. Und wenn dann eine pampige Antwort zurückkommt, denkt man sich halt seinen Teil und geht weiter“, erklärt Josef. Hilfsbereitschaft äußern – das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein und keine Hemmungen hervorrufen.

7. März 2020: Josefs erstes Training steht an. Über seine Heimatzeitung hat er alle Interessierten – egal ob mit Handicap oder ohne – dazu aufgerufen. Am Treffpunkt versammeln sich einige Läufer in roten Jacken. Alle kennen Josef und wünschen ihm viel Spaß für sein Training. Dann joggen sie weiter. „Einer hat sich bei mir für heute angemeldet, mal schauen, ob noch wer kommt“, sagt Josef. Das Training sollte draußen auf dem Gelände der ARS-Altmann-Arena in Wolnzach stattfinden, doch es regnet. Josef muss umplanen. Zum Glück ist die Tennishalle nicht weit und für die nächste Stunde noch nicht komplett belegt.

Sich selbst kennen lernen

An der Halle angekommen treffen wir auf Markus, der gerade aus der Eingangstür herauskommt. Wie Josef sitzt auch er im Rollstuhl. Über die Zeitung habe er vom Training erfahren. Auf dem roten Gummigranulat der Halle beginnen wir mit der ersten Übung: Bälle zuwerfen. „Hier müssen wir uns aufeinander konzentrieren und können uns so kennen lernen“, erklärt Josef. Augenkontakt sei der Schlüssel zur Verständigung. Dann drehen wir fünf Runden um das Tennisfeld. Erst langsam, dann immer schneller, bis wir an unsere Grenzen kommen. Denn, in diesem Training sollen wir auch etwas über uns selbst lernen. Wie viel kann ich geben, bis mein Limit erreicht ist? Wo kann ich mich noch steigern? Markus und ich merken recht bald, dass wir aus der Puste sind. Die nächsten fünf Runden sollen wir dann rückwärts absolvieren. „Gerade als Rollstuhlfahrer kann es vorkommen, dass du manche Manöver rückwärts umfahren musst. Deshalb ist das eine gute Übung“, meint Josef.

Wie im Flug

Als nächstes bauen wir uns einen Parcours aus Reifen, Hütchen und Tennisbällen. Den durchqueren wir auch wieder vor- und rückwärts. Nebeneinander, damit wir lernen, aufeinander acht zu nehmen. Dann überlässt mir Josef seinen Rollstuhl. Ich soll durch den Parkour fahren, bei den Tennisbällen stoppen und diese kurz antippen. Das hört sich nicht schwierig an, da ich aber logischerweise den Rollstuhl nicht gewohnt bin, merke ich schnell, wie mich die Fahrt herausfordert. „Wie kann ich am besten lenken?“, frage ich mich und Josef ruft mir schon „schneller!“ zu. Dann schickt er mir Markus nach, der mich einholen soll. Es dauert nicht lange, bis er mich hat. Innerhalb weniger Minuten nehme ich meine Hände und Arme intensiv wahr. Und auch am nächsten Tag werde ich einen leichten Muskelkater spüren. Die Bewegungen und die dadurch beanspruchten Muskelpartien, die für einen Rollstuhlfahrer ganz selbstverständlich sind, werden mir jetzt richtig bewusst.

Immer mehr Tennisspieler drängen in die Halle und wir müssen das Feld räumen. Unser Training wäre nun sowieso zu Ende gewesen. Ich bin kein recht sportbegeisterter Mensch, doch die Stunde ist sogar für mich wie im Flug vergangen. Josef war es wichtig, dass wir etwas für unseren Alltag mitnehmen. Was ist das bei mir? Wieder mehr Bewusstsein für meine Mitmenschen, ein neuer Blickwinkel und dass Sport auch Spaß machen kann.

Josef steckt viel Herzblut in sein Training und schafft dadurch einen Ort der Begegnung. Sein Wunsch für die Zukunft: natürlich noch mehr Menschen, die mitmachen. Egal ob im Rollstuhl, blind, schwerhörig oder ganz ohne Beeinträchtigung – alle sind willkommen. Aufgrund der aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen muss Josef sein Programm vorerst pausieren. Wer aber Fragen hat oder sich jetzt schon anmelden möchte, kann ihn gerne unter der 0151/70804883 kontaktieren. Josef informiert die angemeldeten Teilnehmer zeitnah über den nächsten Termin.

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