5 Lebensmittel, die uns durch die Fastenzeit bringen

Katrin Seidl
Feature von Katrin Seidl, März 10, 2020

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„Carne Vale“ ist der Ursprung des Wortes Karneval. Frei übersetzt: Fleisch ist es wert. Fleisch ist es wert, dass es gefeiert wird! In der Faschingszeit wird alles, was mit Genuss, Überfluss und reichhaltigem Essen zu tun hat, aus ganzem Herzen geschlemmt. Fleisch, Frittiertes und fettige Faschingskrapfen bringen das nötige Gold auf die Hüften, um durch die entbehrungsreichen vierzig Tage zu kommen, die einen nach dem Narrenwahnsinn erwarten.

Fastenzeit bedeutet Verzicht. Die erste Woche vergeht nach dem intensiven Feiern noch wie im Flug – man ist nahezu erleichtert ob einer kurzen Pause. Ab der zweiten Woche keimt das ein oder andere Gelüst aber schon wieder auf, wenn es auch noch im Zaum zu halten ist. Dritte Woche: jetzt wird es hart. Das Verlangen kurbelt die Idee an, dieses selbstauferlegte Gebot die kommenden Wochen zu umgehen. Wie also nun weiter? Eisenhart bleiben oder dem Gelüst sanft ein kleines Stück entgegengehen? Ohne verführen zu wollen, zeigen wir die ein oder andere trickreiche Methode, um dem Verzicht ein Schnippchen zu schlagen. Die kannten wohl schon die Menschen des Mittelalters. Natürlich musste das Umgehen der Fastenpflicht vor den Augen der höchsten Instanz gekonnt verborgen werden. Und welche Kuriositäten hält die Fastenzeit noch für uns bereit? Gehen wir auf Entdeckungsreise!

1 | Der Faschingskrapfen

Nicht nur der eine oder andere Faschingsverein, sondern auch ein gewisser Pragmatismus hielt im mittelalterlichen Karneval Einzug. Alle Lebensmittel, die in der Fastenzeit nicht verzehrt  werden durften und verderblich waren, wurden vorher aufgebraucht. In einigen Quellen wird angegeben, dass Mehlspeisen erlaubt waren. In anderen, so auch Wikipedia, heißt es, dass auf Fleisch, Milchprodukte, Eier und Alkohol verzichtet wurde. Somit ist die fettgebackene Krapfenköstlichkeit der Faschingszeit „pure“ Resteverwertung (oder – modern ausgedrückt – nachhaltiger Umgang mit Essensressourcen).

2 | Die Mandelmilch

Veganer wissen längst um die Vorteile pflanzlicher Ernährung und schwören auf sie: Mandelmilch. Was sowohl im Tetrapack als auch werbetechnisch gut verpackt als Errungenschaft der Post-Milch-Generation daherkommt, war im Mittelalter ein fürstliches Fastengetränk für den, der es sich leisten konnte. Mandelmilch mit Honig wurde von einigen kirchlichen Würdenträgern gerne geschlabbert. Frisch geröstete und gemahlene Mandeln mit kochendem Wasser übergießen und mehrere Stunden ziehen lassen – mehr braucht es zur Herstellung nicht. Für alle, die das Geld nicht so locker sitzen hatten, tat es die gute alte Hafermilch: Hafer im Wasser aufkochen, bis ein wässriger Haferschleim entsteht, die Flüssigkeit dann abfiltern und etwas Salz beifügen. Simsalabim, fertig ist die Hafermilch.

3 | Die Maultaschen

Im Mittelalter wurde während der Fastenzeit vollständig auf Fleisch verzichtet. Zumindest offiziell. Die Verwandte der italienischen Ravioli sollte dann also mit Spinat und Gemüse gefüllt sein. Verborgen vor Gottes Augen war aber auch gerne mal Gehacktes in ihr versteckt. So wurde der Maultasche der Name „Herrgotts-B‘scheißerle“ zuteil.

4 | Das Bier

Auf Alkohol sollte ja in der Fastenzeit ebenfalls gänzlich verzichtet werden. Deshalb überspringen wir hier gekonnt die Informationsweitergabe und hüllen uns in beredtes Schweigen.

5 | Der Butterpfennig

Wer sowieso schon wusste, der Geist wäre ja irgendwie willig, das Fleisch aber einfach zu schwach, hatte von vornherein die Möglichkeit, sich auszulösen: Der Butterpfennig funktionierte in der Fastenzeit ähnlich wie der CO2-Ausgleich beim Fliegen. Wollte man Butter zu sich nehmen oder irgendein anderes wohlschmeckendes Fett, konnte man das bei der Kirche mit dem sogenannten Butterpfennig ausgleichen. Gold auf den Hüften hieß folglich Gold für die Kirche. Und schon war man frei, die Krapfenzeit nach Lust und Laune weiter laufen zu lassen.

Fasten – warum eigentlich? Ein Kommentar.

Mittelalter hin, Faschingskrapfen her – eine mahnende Predigt zur Fastenzeit darf an dieser Stelle natürlich nicht fehlen! Fastenzeit oder schon Fast-End-Zeit? Wenn man die letzten Jahrzehnte so betrachtet, ist dies nicht mehr so klar ersichtlich. Richtig verzichten müssen wir in der heutigen Zeit auf nichts. Wir werden immer närrischer, dass ganze Jahr ein einziges HELAU. Ist es Endzeitpanik, da wir intuitiv spüren, dass es in unserer Welt bald recht düster aussieht? Verzweifelt versuchen Veganer, den Irrsinn der Billig-Vollfleischkonsumenten auszugleichen. Jeder zerrt an einem anderen Ende des medusenhaften Strickes. Der moderne Ablass ist in den CO2-Ausgleichspapieren zu finden. Kinder schürfen hochgiftiges Material, um Elektroautos in die Zukunft zu schicken. Und wir alle surfen im WorldWideWeb gedankenlos herum. Denn den Gedanken, dass ganze Serverfarmen mitverantwortlich für den Klimawandel sind, verstecken wir gekonnt in unseren Gehirnwindungen, während wir fleißig Schweinebratenfotos auf Instagram posten. Die virtuelle Welt hat die reale Welt ersetzt.

Die gute Nachricht: Hier ist jederzeit ein Neustart möglich. Fleisch ist es wert! Wieviel Energie kostet es jedes Wesen, Leben zu produzieren, aufzuziehen und zu erhalten? Eben: Fleisch ist es wert!

Die andere Seite der carne-val(e)-istischen Münze beleuchtet diesen Wert noch einmal aus ganz anderer Sicht: Fleisch bedeutet Tod. Und auch diese Vergänglichkeit macht es wertvoll – wertvoll genug, um gefeiert zu werden. Eine achtsame Haltung uns und unserer Welt gegenüber: das ist der Gedanke der Fastenzeit. Im Verzicht zu erkennen, was uns alles bereits geschenkt ist. Dann können auch Ostern und die Auferstehung folgen.

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