Bayern lernt Integration – 3 Erfolgsmodelle

Nicht reden – machen! Integration ist keine Einbahnstraße. Drei bayerische Projekte, die zeigen, dass man mit Initiative mehr erreicht, als mit Schimpfen.

Lisa Schwarzmüller
Feature von Lisa Schwarzmüller, November 13, 2018

Integration ist ein Zauberwort. Keine Rede in Politik und Gesellschaft zieht noch ohne. „Wir müssen zusehen, dass sich die Flüchtlinge integrieren“, heißt es da. Oder „Wer sich nicht integriert, hat hier nichts verloren!“ Fast wirkt es, als wäre Integration eine Einbahnstraße. Wer nach Deutschland kommt, muss alles dafür tun, um in die Gesellschaft zu passen. Für die eigene Integration gelten ganz andere Maßstäbe. Man selbst ist ja schließlich schon deutsch, warum also anstrengen?

Was man verdrängt, ist: Integration ist ein ständiger Prozess, egal ob man in dem Land geboren wurde, in dem man lebt, oder nicht. Wir passen uns einem neuen Arbeitsumfeld an, fügen uns im Sport in ein Team ein, lernen neue Technologien. Jeder Mensch integriert sich selbst jeden Tag, ohne es zu merken – einfach weil die Spielregeln uns so vertraut sind. Für Menschen mit Migrationshintergrund gilt das nicht. Eine andere Sprache und gesellschaftliche Gepflogenheiten sind riesige Stolpersteine auf dem Weg ins Herz einer neuen Kultur.

„Der will sich einfach nicht integrieren!“ ist ein Stammtischkalauer, erlebt haben wir ihn alle schon. Die Forderung nach Integration schwingt stets mit, wenn über Migration und Ausländer gesprochen wird. Haben sie etwas bewirkt? Zweifelhaft. Deswegen folgen nun drei Projekte, vorgestellt auf der Bayerischen Integrationskonferenz in Pfaffenhofen, die, anstatt nur darüber zu reden, echte Initiative zeigen.

In-Life Learning

In-Life-Learning.eu schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Durch Kurse und Seminare wollen sie nicht nur Migrant*innen eine Möglichkeit geben, die Sprache besser zu lernen. Der Fokus der Online-Unterrichtseinheiten liegt vor allem bei dem Thema „Nachhaltigkeit“. Das Ziel: bessere Lebensbedingungen für alle durch Bildung zu schaffen und damit den Zugang zu neuen sozialen Kreisen zu erreichen. Dahinter steht der Landkreis Amberg Sulzbach und Ulrike Zimmermann. Für sie ist ganz klar: Integration funktioniert in Schritten. „In diesem Projekt konnte ich dazu beitragen, dass sich Menschen durch kleine Tätigkeiten annähern“, erklärt sie. Verschiedenste Ämter sind in das darin eingebunden, wie das Jugendsozialamt aber auch Bildungseinrichtungen wie die VHS. Behandelt werden Themen wie Umweltschutz, gesunder Lebensstil, Natur, Verkehrsmitteln und Reisen.

Ausbildungsring Ausländischer Unternehmer e.V.: Xenex

Migrant*innen wollen in Deutschland gründen. Was schon Menschen die Sorgenfalten ins Gesicht treibt, die mit Sprache und Kultur vertraut sind, wie beispielsweise einen Businessplan zu erstellen, ist noch viel schwieriger, wenn man sich nicht in seinem gewohnten Umfeld befindet. Anastasiya Koloshyna und Kristina Gorskih engagieren sich in dem Verein und wollen mit Beratung und aktiver Unterstützung den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern. „Als ich mit 17 Jahren meine Ausbildung begann, war das gar nicht einfach. Vor allem im Büro wollen Arbeitgeber oft Angestellte, denen man ihren Migrationshintergrund nicht anmerkt, das habe ich selbst erfahren“, erklärt Kristina, deren Eltern mit ihr nach Deutschland kamen, als sie gerade mal in der 1. Klasse war. „Integration heißt nicht, dass man in einer Parallelgesellschaft landet“, fügt auch Anastasiya hinzu. Deswegen helfen sie und ihr Team jetzt in und um Nürnberg Menschen mit Migrationshintergrund hinein in die Selbstständigkeit.

Mieter qualifizieren

Es gibt kaum einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, bei dem Rassismus und Diskriminierung in Deutschland noch so eine hohe Rolle spielen wie auf dem Wohnungsmarkt. Das haben auch Uwe Krüger und Susanne Kern erfahren. Die beiden engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe und stellten fest: Mieten und Wohnungsuche ist für die Migrant*innen extrem schwierig. Ein Großteil der Kommunikation läuft nach wie vor über Ämter und freiwillige Helfer. „Da haben wir gemerkt, es braucht Hilfe zur Selbsthilfe“, fügte Susanne an. Sie haben daraufhin die Vermieter gefragt, warum sie Bedenken haben, Menschen mit Migrationshintergrund eine Wohnung zu geben und deren Antworten eins zu eins in einem Schülerhandbuch zusammengefasst. Was bedeutet Mülltrennung? Wie funktioniert Brandschutz? Was sind Ruhezeiten? Wie läuft ein Besichtigungstermin ab? Das sogenannte Neusässer Konzept hat es mittlerweile schon in viele Helferkreise geschafft und ist für den Deutschen Engagement Preis nominiert.