Toilettenschüssel oder Halscollier?

Was werden Archäologen wohl in 2000 Jahren über uns sagen? Architekt, Kunsthistoriker und Grafiker David Macaulay hat sich in seiner Graphic Novel humorvoll dieser Frage angenommen und stellt unser eigenes Selbstverständnis auf den Kopf. Nächste Woche gastiert er in Manching.

Feature von Lisa Schwarzmüller, März 19, 2019
Hobby-Archäologe Howard Carson hielt im Jahr 4022 nach Christus eine Toilettenschüssel für ein Halscollier. Zu absurd, um wahr zu sein? (Fotos @Kelten- und Römermuseum Manching/ David Macaulay)

Woher wissen wir, dass unser Wissen wahr ist? Dass unsere Annahmen auch Tatsachen entsprechen? Diese Fragen klingen hochtrabend und ermüdend theoretisch. Ist man nicht unbedingt mittelloser Philosophie-Student oder liest zum Einschlafen gerne Kollegen wie Kant und Aristoteles, gehören solche erkenntnistheoretischen Anwandlungen wohl eher zur Kategorie „So, das war jetzt das letzte Glas Wein für heute Abend“. Doch die Frage hat Bedeutung und führt nicht selten zu fatalen Geistesblitzen und ganz oft zu komödiantisch anmutenden Annahmen über die Welt und wie sie gebaut ist.

Irrtümer und Fälschungen

Mediziner ließen kranke Menschen zur Ader – eine Praktik, die modernen Ärzten die Haare raufen lässt. Diebe, Mörder und Kriminelle hätten eine bestimmte Gesichtsform, glaubten Anhänger der Phrenologie um 1800 und analysierten Schädelformen en détail ob ihres soziologischen Potenzials. Vor etwa 350 Jahren waren sich Forscher im Harz sicher, endlich die Knochen eines Einhorns gefunden zu haben. Wie sich später herausstellte, bestand das rekonstruierte Skelett aus steinzeitlichen Mammutknochen und dem Schädel eines Wollhaarnashorns. Eine These widerlegte die nächste – so funktioniert wissenschaftlicher Diskurs.

Und doch kann vermeintliches Wissen hinterhältig sein. Gute Beispiele dafür liefert die Archäologie. „Die Geschichte der Archäologie ist voll mit Irrtümern und Fälschungen, wie viele andere Disziplinen auch“, weiß Tobias Esch. Er leitet seit dem letzten Jahr das kelten römer museum manching und ist quasi Experte auf dem Gebiet. Bevor er nach Manching kam, realisierte er im Westfälischen Landesmuseum in Herne eine Sonderausstellung zum Thema – mit großem Erfolg. Ein wortwörtlicher Kunstgriff verhalf ihm und seinen Kollegen dazu, den zahlreichen Besuchern die verwirrende Wissenschaftsgeschichte der Tiara des Saitaphernes oder den Fund angeblich prähistorischer Werkzeuge und Waffen in Herten-Disteln schmackhaft zu machen. Und das in enger Zusammenarbeit mit einem Künstler, der unter Archäologie-Studenten schon seit Jahren als „Running Gag“ kursiert – David Macaulay und sein „Motel der Mysterien“.

David Macaulay in Manching

Fans und Anhänger von Geschichte, Archäologie, Grafik und Illustration kommen am 27. März um 18.00 Uhr im kelten römer museum manching voll auf ihre Kosten. Bei einem Abendvortrag wird David Macaulay in leicht verständlichem Englisch nicht nur Story und Zeichnungen des „Motels der Mysterien“ vorstellen, sondern mit zahlreichen Anekdoten auch die Genese des 1979 erschienen Buches beschreiben. Im Anschluss signiert Macaulay Exemplare seiner Grafik-Novelle, die im Shop des kelten römer museums manching erhältlich sind.

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Nachttischlampe oder Statuette der Lichtgöttin Watt?

Wir schreiben das Jahr 4022 nach (!) Christus. Der Hobby-Archäologe Howard Carson spürt in Nordamerika rätselhafte Relikte der Yankee-Kultur auf, die durch die Katastrophe des Jahres 2020 urplötzlich zugrunde gegangen war. An einer breiten Prozessionsstraße tritt ein Gebäudekomplex zutage, der von den Yankees als „Motel“ bezeichnet wurde. Carson ist sich sicher: Es muss sich um eine bedeutende Kult- und Grabstätte handeln. Schritt für Schritt entschlüsselt der Archäologe die Rätsel des „Motels der Mysterien“, fördert Relikte zutage und versieht sie mit irrwitzigen wie nachvollziehbaren Interpretationen. So wird eine Nachttischlampe plötzlich zu einer Statuette der Lichtgöttin Watt.

Macaulays Graphic Novel entreißt dem aufmerksamen Leser nicht nur Staunen und Schmunzelei. Etwa ab der Mitte des Werkes ertappt man sich selbst oft dabei, über die eigene Kultur zu fantasieren. Was bleibt in 2000 Jahren von uns? Was werden unsere entfernten Nachfahren uns einmal „unterstellen“? Und wie sehr sollten wir unsere eigenen Methoden und Erkenntnisse hinterfragen?

Du solltest hingehen, wenn: Dein Herz für Graphic Novels, geistreiche Anekdoten oder Archäologie schlägt.

Wen du hier treffen wirst: Einen echten Meister der Graphic Novels

Das perfekte Accessoire: Ein Stift, damit du dein Exemplar von „Motel der Mysterien“ signieren lassen kannst.

Insider-Detail: Wer das Motel der Mysterien“ gut findet, kann es direkt im Museums-Shop erwerben.